Wilhelm Christoph Warning

 

Landschaften. Sicher besser: Landschaftserkundungen. Und es sind zugleich Bilderkundungen. Entdeckungsreisen. Da ist einer unterwegs, um herauszufinden, was diese Welt, die ihn umgibt und von der er doch auch ein Teil ist, ausmacht. Was ihn also selber ausmacht. Wo er seinen Stand findet, da draußen, in der Natur. Oder im Atelier. Und, vor allem, in sich selbst. Wie sie auf ihn wirkt, die Landschaft, was er aufnimmt, was er umsetzt. Welche Verbindungen da entstehen und wo sie ihn hintragen. Ein Augenmensch, einer, der mit dem Blick wahrnimmt, der ihn schweifen lässt, ihn fixiert, der die Welt mit seinen Sinnen in sich einströmen lässt und der dann diese ungeheure Menge dessen, was da strömt, in Malerei umsetzt. Das, ist die Berührung des Inneren des Malers mit dem Äußeren. Und arbeitet er draußen, ein fast zeitgleiches sich Entäußern dieses gewonnenen Eindrucks, des Erfahrenen, das er wiederum nach außen bringt. Wir sehen, was er sah, sehen also gleichzeitig mit seinen und unseren Augen. Und je offener, je unvoreingenommener wir sehen, desto mehr werden wir sehen und desto mehr seinen, des Malers Blick, verstehen und mit ihm zusammen diese äußere und innere Welt bereisen.
Betrachten wir also: Nicht das Abbild der Landschaft oder ein stimmungsvolles Wiedergeben des Tatsächlichen steht da im Vordergrund. Vielmehr geht es um nichts weniger als um den tiefen Blick, um Erkennen und Erkenntnis.
Rüdiger Lange bietet sehr Intimes.

Der Maler zeigt mit seinen Bildern, wie Erkenne und Umsetzen und Wahrnehmung einander bedingen. Eine Wechselwirkung.Dieser Vorgang, der Prozess des Wahrnehmens, Erkennens, Entscheidens und Umsetzens, kurz das,was Rüdiger Langes Malerei aus- und so spannend macht, vollzieht sich für ihn im Malen. Oft ist das ein sehr unmittelbarer, und ich vermute, auch ein sehr aufregender Vorgang.Es geht ihm um Schönheit, Sinnlichkeit, um Gefahr, um Chaos und Ordnung, um Ordnen, um Benennen undFormulieren, darum, etwas in einem Augenblick zu erkennen und dieser Erkenntnis angemessenen Ausdruck zu verleihen. Deshalb geht es auch um Verwerfen und Gewinnen. Um Ringen und Probieren, um Unmittelbarkeit,enorme Spontaneität, aber ebenso um Abwägung, kurz: um Gefühl und Kopf. Jede Wahl des Ortes, des Malgrundes,des Farbmaterials, des Farbauftrags, der Farbe selbst, jede Aktion, ob mit Stift, Pinsel oder Spachtel, ist eine Entscheidung.

Und jeder Entscheidung liegt all dies zugrunde. Der Maler sagt: „Mein Interesse gilt der Unvorhersehbarkeit, Undefinierbarkeit und Unmittelbarkeit. Das Bild ist Experimentierfeld, auf dem sich die Auseinandersetzung mit sich selbst, dem "Ist" manifestiert.

Was wir sehen, sind Standpunkte, die Rüdiger Lange bezogen hat. Immer wieder und immer wieder neu. Sie sehen die Stationen der Entdeckungsreise. Aber der Maler reist nicht als Forscher, der wissenschaftlich von außen auf etwas blickt, es analysiert, kategorisiert und es damit benennt und einordnet. Nein. Rüdiger Lange ist mitten drin, wenn er malt. Und trotzdem blickt er sich selbst gleichsam immer wieder über die Schulter.

Kirchenvater Augustinus, dessen Schriften wahre Quellen der Erkenntnis sind, notierte in seinen Confessiones:„Und es gehen die Menschen zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres und die weit dahin fließenden Ströme und den Saum des Ozeans und die Kreisbahnen der Gestirne - und haben nicht achtihrer selbst.“

Rüdiger Lange hat acht seiner selbst. Sein Malen ist Ausdruck davon. Ohne dieses Achthaben wäre seine Malerei Routine und seine Bilder ein Blick auf die Natur ohne innere Verbindung. Und damit ohne Beteiligung.Vielleicht effektvoll. Vielleicht modisch, weil Figuration noch immer Mode ist. Dann wären seine Bilder Landschaftsmalerei als Rückgriff auf das 19. Jahrhundert mit zeitgemäßem Touch. Aber genau dies interessiert den Maler nicht. Er spannt den alten Gegensatz nicht auf zwischen figurativer und abstrakter, nicht gegenständlicher Malerei. Für ihn ist, was er malt, immer eine Form der Abstraktion. Weshalb er einmal von seinen Bildern formulierte: "Bilder gründen auf Beobachtungen, Erfahrungen und Ideen. Jedes Bild ist ein‚abstrahiertes Etwas’ von Realem und Gedachtem. So ist jedes Bild abstrakt.“

Da gibt es all diese so unterschiedlichen Sichten, Ansichten und Einsichten von Landschaft. Manchmal verlassen die Bilder das, was wir unter „figurativ“ verstehen. Es gibt da Stellen, die sichtbar abstrakt malerisch das spannungsvolle Verhältnis von Tiefe und Oberfläche zeigen. Ein Blick in strömendes Wasser. Nicht real. Das Bild beschreibt eher das Gefühl davon. Ist gleichsam ein Rauschen. Ein Farbrauschen, das vorüber gleitet.

Rüdiger Lange fußt auf dieser Tradition und ist doch ein Maler des 21. Jahrhunderts. Adolf Hölzels Weg ist ihm Selbstverständlichkeit und das gibt ihm die Freiheit, zum einen etwa jenes poetische und aufregende Gewirr von Zweigen zu malen, Bilder die ganz aus den außerordentlich zarten Zeichnungen heraus gewachsen ist. Wie es ihm, zum anderen, die Unabhängigkeit gibt, monochrome Bilder zu malen. Oder Fotos zu verwenden. Oder eben draußen, vor Ort zu malen.

Da sind wir wieder bei den Entscheidungen. Denn es ist es ein großer Unterschied, ob das Malen vor Ort stattfindet oder im geschützten Raum. Im Atelier lässt sich das Bild beiseite stellen. Am nächsten Tag weitermalen. Oder verändern. Oder übermalen. Wahrnehmung, Gedanken und Gefühle, all das entschleunigt sich hier.

Es ist ein bedachteres Malen, im wahrsten Sinn des Wortes. Im Atelier kann man sich über die Schulter blicken. Zumal das Foto, einmal gemacht, der berühmte „eingefrorene Augenblick“ ist.  Es verändert sich nicht mehr. Man kann immer wieder hinsehen, und es zeigt sich die nämliche Stimmung, dieselben Farben, das Licht und so weiter. Im Gegensatz dazu das Malen vor Ort: Rasch wechselnde Stimmungen, das Licht ändert sich und damit die Farblichkeit. Der Himmel klart auf. Oder zieht sich zu und es fängt an zu regnen. Alles, alles fließt in den Akt des Malens ein. Zeit für Reflexion bleibt da kaum. Das Sich selbst über die Schulter blicken, das im Atelier dazu führt, zu verändern, ist hier nahezu unmöglich. Rüdiger Lange sagt, draußen male er sehr rasch. So rasch, das keine Zeit bleibt, konzeptionelle Überlegungen anzustellen. Er arbeitet mit – jetzt sind wir bei der Wahl des Farbmaterials, also auch einer Entscheidung – mit Öl auf Nessel, dann mit Acryl-Dispersionsfarben auf Plakatpapier, das von städtischen Werbeflächen entfernt wurde. Der Untergrund ist gleichsam Abfall. Ist abgeschälte decollagierte Werbung, die doch mit möglichst eindeutigen Zeichen arbeitet, mit rascher Erkennbarkeit. Langes Bilder hingegen bieten genau das Gegenteil: Uneindeutigkeit der Zeichen,keine Abbildhaftigkeit. Das gibt eine eigentümliche Spannung. Manche dieser mit Acrylfarben gemalten Bilder haben etwas Opakes, decken flächig, bieten keine Tiefe.Verhalten wirkt da das Licht, manchmal geradezu stumpf und es ist, als ob sich ein Hauch von Schwermut mitschwinge, bei aller Stärke des Gestus, mit dem der Rüdiger Lange arbeitet. Sichtbar wird, dass ihn malerische Probleme interessieren, im Hinblick auf Farbe, Fläche, Tiefe, Raum und Geschwindigkeit. All das fasziniert ihn und man kann es gleichsam im Nachhinein miterleben. Egal ob ein Kraftwerk, eine Brücke, eine Baracke, Bäume, Felder oder der Fluss. Ob klare oder gedeckte oder verdunkelte

Stimmung. Im Maler oder in der Landschaft. Hier gibt es unendlich viel zu sehen und zu entdecken.Vielleicht auch deshalb wendet er sich auf seiner Entdeckungsfahrt, beinahe wörtlich, einer weiteren Küste zu. Nimmt, wie schon erwähnt, von ihm gefertigte Fotografien aus Irland als Vorlage für seine Bilder. Wieder entstehen Landschaften, die sich unterscheiden von den vorherigen. Die neuen Entdeckungen lösen jedoch die vorherigen nicht ab. Vielmehr sind es weitere Erfahrungen, die er nutzt, wenn er in weitere Regionen steuert. 

Mit Öl auf Holz gemalte, von einer Farbe bestimmte Bilder. Es sind im Grunde keine monochromen Bilder, denn sie zeigen eine Vielfalt von Farben. Sie zeigen, was wir meinen, wenn wir sagen: die Isar sei grün, das Mittelmeer blau, die Nordsee grau. Sprachlich vereinfachen wir. Aber in dem Grün, Blau oder Grau schwingt die Fülle mit. Das Meer, das wie Blei schimmern kann. Der Fluß, der dunkel, der schwarz, der blau – Donau – oder der gelb oder grün daherströmt. Blicken sie in die Amper. Nach einem Regen. Welche Farbe? Bräunlich vielleicht? Dunkelgrün? So etwas ist spürbar und sichtbar in den jüngsten Bildern von Rüdiger Lange. Es sindLandschaftsbilder. Und zur gleichen Zeit völlig abstrakt. Mit allen malerischen Fragen, die das aufwirft.

Damit wären wir wieder am Anfang: Landschaften bieten sich uns hier.

Schöne und wilde. Geordnete und verworrene. Aufregende und beruhigende. Hoch dramatische, voller Bewegung und ganz stille, meditativ dahinströmende. Landschaften. Landschaftserkundungen. Und es sind zugleich Bilderkundungen. Entdeckungsreisen

 

Wir brauchen bloß hinzusehen.

 

München, 2009

            

 

  

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© Rüdiger Lange | 2019